II|

2. Aufzug.

B. (Läuft von der Seite rein) Und jetzt, wo du weißt, wo du hinwillst –

A. (Läuft von der anderen Seite rein. Unterbricht) Ja?

B. Jetzt, da du weißt, wo du hinwillst. (Pausiert. Wartet auf Unterbrechung an der Gleichen Stelle. Nichts passiert) Wo –?

A. (Unterbricht) Ja, bitte?

B. (Stille. Schaut mit in die Ferne dringendem Blick ins Publikum) Wo. (Lässt das Wort, den Schall sich aushallen. Stille) Wie. (Tut das Gleiche) Kommst du dort hin?

A. Das ist doch ganz einfach. Ich mache die Tür auf, drehe mich um und mache die Tür zu. Dann bin ich weg.

B. Aber immer noch nicht dort, wo du hinwolltest.

A. Das vielleicht nicht, nein. Aber auf dem Weg dorthin. Du weißt ja: aller Anfang ist leicht.

B. Aller Anfang ist schwer.

A. Ach, jetzt mach es mir doch nicht so schwer! Jetzt, jetzt hab ich schon den ersten Schritt gemacht –

B. (Unterbricht) ‚Hättest‘ den ersten Schritt gemacht.

A. ‚Hätte‘ den ersten Schritt gemacht und dann kommst du, obwohl du nicht gehen wolltest und machst mir alles so … so … ach ich weiß auch nicht. ‚So‘ eben. (Wedelt mit der Hand)

B. Jetzt beruhig dich doch mal ein wenig. Das sagt man halt so.

A. Die Leute sagen viel. (Etwas ruhiger) Viel sagen die, viel.

Text. Silber.

A. Silber. Ja Reden ist Silber. Schau doch nur, wie manche Worte glänzen, wenn man Licht draufscheint. Reden ist silber.

B. Und Schweigen (kurze Pause) ist Plastik. Überleg doch mal. Wenn wir jeden bezahlen müssten, der redet, der Silber redet, geschweige denn Gold. Mal abgesehen davon, dass nicht alles Gold ist, was glänzt und auch nur dann glänzt, wenn das Licht draufscheint.

Text. Ich will nicht.

B. Ich will nicht wissen, wie das aussieht im Dunkeln, dort, wo es sich drängt, im Rudel, Wärme suchend. Zähne fletschend. Da würde ich lieber meine Hand ins Feuer legen. Da ist es zumindest hell. Und nicht(s) ins Dunkel legen. Ins Dunkel der Worte. (Stille) Sag –

A. Ich mag nicht mehr sprechen. Dann sieht man nichts. Finster ist es dort. Man möchte Perlen brechen.

B. Jetzt sprichst du schon davon, als ob das ein Ort wäre.

A. Mhm?

B. Wo ein dort ist, ist auch ein Ort.

A. W – (Fängt sich, schüttelt den Kopf)

B. Finster. Wenn man gar nichts mehr spricht, dann bleibt es das auch. Manchmal braucht man sie. Doch. Mal eins, mal zwei. Manchmal braucht man ein Wort , das schlägt. (Stille) Aber dann auch nur eins.

Text. Oder zwei.

B. Oder zwei.

A. (Stille.)

B. Oder gar keins. Das dann doch eins ist. Na komm. (Klopft A behutsam auf die Schulter)

II|

I|II

Zwischenspiel.

Text. Passiert ist es.

B. Was ist passiert? Wir wollten doch bloß weg?

Text. Was ist passiert?

A. Was ist passiert? Was ist vorangegangen?

B. Und wohin?

Text: Von wo nach wo?

B: Von B nach A?

Text. Von Alpha nach Omega?

A. Von Aleph nach Tau.

Text. Nachgefolgt.

B. Und was ist nachgefolgt; dem was vorausgegangen ist? (Stille)

A. Wir wollten doch bloß nicht bleiben. Heraustreten hinter all den Scheiben.

Text. Heraustreten.

B. Heraustreten die Scheiben und laufen auf den Scherben.

A. Aber sterben will keiner. Typisch.

B. Wem sagst du das.

I|II

die Welt

sitzt einfach da und flichtst die Welt
das eine über das andere
es schimmert
flichtst nichts in die stille
hinein an die stelle
an der dein herz schlägt
vorbei an dem was
gibt ohne zu sein
sitzt einfach da und flichtst die Welt
und schaust nicht auf

die Welt

I|

1. Aufzug.

A. Ich habe beschlossen.

B. Du hast?

A. Ja. Habe ich.

B. Beschlossen?

A. Mhm.

B. Was hast du denn beschlossen?

A. Ich habe beschlossen. Von hier wegzugehen.

B. Wie meinst du das?

A. Be-schlossen. Ich habe einen Zaun gezogen.

B. So?

A. Ja, einen Zaun. Um ein Rudel. Ein Rudel von Entscheidungen. Ich habe mich entschieden. Ent-schieden.

B. Ent-schieden?

A. Nein, du sagst das falsch. Hörst du es nicht?

B. Was denn?

A. Was denn! Den Bindestrich! Hörst du den Binde-Strich nicht?! Zwischen ent-schieden?

B. (Beiseite) Nein? Ihr so? (Zu A) Ach soooo. Ja, ja. Jetzt schon. Jetzt schon.

A. Ent-schieden. Ich habe eine Option von der anderen getrennt. Und dann noch eine. Und dann noch eine.

B. Und dann noch eine?

A. Genau! Na also, hast du’s doch verstanden. So lange, bis nur noch zwei Stück übrig waren. Dann hab‘ ich die voneinander getrennt. Das ist wie ge-schieden. Nur ohne (Scheidungs-)Papiere.

B. Hättest du wohl gerne.

A. Was?

B. Na Papiere.

A. Nein, nein, das geht auch ohne.

B. Ohne? Ohne Papiere? Hier? (Schaut sich um) Dort, wo wir wohnen geht etwas ohne Papiere? Kann ich nicht glauben. (Schüttelt den Kopf)

A. Doch, doch. Schau, ich hab’s hier, Schwarz auf Weiß. (Zeigt Zettel vor und liest vor) „Geht auch ohne Papiere“. Siehst du?

B. Donnerwetter. (Stille) Da wir das nun geklärt hätten …

A. Ja? (Packt Zettel wieder ein)

B. Wo willst du denn hingehen?

A. (Beginnt herumzugehen) Wie jetzt? Das weiß ich doch nicht. Ich wollte mir gerade nur ein bisschen schlendern. Mir die Beine vertreten. Wo die mich hinführen, kann ich jetzt noch nicht sagen.

B. War das wirklich alles? (Pause) Ernsthaft?

A. Wie bitte? (Geht immer noch herum, die Arme demonstrativ freudig schwenkend)

B. Du hast doch gesagt, dass du hier weggehen willst.

A. Ach, langfristig meinst du?

B. Woher soll ich denn das wissen? Schließlich hast du das gesagt. Nicht ich.

A. Sag das doch gleich! Ich kann doch nicht wissen, was du meinst. (Bleibt stehen)

B. (Schaut genervt einen Menschen aus dem Publikum an. Pause) Und?

A. Drängel nicht so, das macht mich … macht mich … das macht mich so … so … na … (Schnippt mit den Fingern)

TEXT. ‚Nervös‘?

A. Nervös! Ja! Siehst du, was du angerichtet hast. Text … wo ist mein … wo ist … (Klopft die Taschen ab) mein … Text … (Dreht sich im Kreis) … mein …

B. Nun?

A. … Text … wo …? Ich … ähm … (Hört auf zu suchen) ich … möchte von hier weg. Bloß weg von hier … von … von … diesem Ort … ich möchte … möchte… dorthin, wo es … wo es … Wohnungen … ja! Wohnungen gibt, wo es günstige, erschwingliche Wohnungen gibt! Dorthin, wo es Arbeit gibt, Jobs! Dort, wo sich die Verkehrsteilnehmer an gesetzlich vorgeschriebene Geräuschemissionsnormen halten, wo sich niemand vordrängelt vor mich an der Supermarktkasse, wo keiner stinkt im Bus oder Zug, wenn ich im Sommer einsteige und das Abteil voll ist. (Kommt in Fahrt) Dort, dort, dorthin, wo noch nachmittags der Eismann mit seinem Eiswagen durch die Stadt fährt und das Eis nicht aus diesem billig-ekligen Palmfett-Scheißdreck ist, sondern aus Sahne von Kühen! Kühen! Von glücklichen Kühen, die leben und die sterben, ohne, dass ihnen jemand einen Bolzen durch den Schädel jagt, damit irgendein Hartzer seine nominell aus Rindfleisch bestehende Lasagne ausm ALDI fressen kann, die ohnehin zu 90% aus ausgemustertem Pferd besteht, das eigentlich in die Endlagerung – END-LAGERUNG – gehört, während er auf dem Sofa sitzt und RTL schaut, wo gerade läuft, wie irgendsoein RTL-Fritze in einem Selbstversuch sich selbst dabei zuschaut, wie er einen Tag lang RTL schaut, dass man meinen möchte, die Welt würde um sich selbst gewickelt vergehen, bis ihm keine Rehabilitationsklinik auf der Welt mehr helfen kann und … und … und (Zittert am ganzen Leib in Rage geredet, Schreien. Spucken. Wie vom Blitz gerührt. Wut. Wut)

TEXT. Zittert am ganzen Leib in Rage geredet, Schreien. Spucken. Wie vom Blitz gerührt. Wut. Wut. (Liest vom Klemmbrett ab. Richtet den Kragen. Dann das Mikrofon) Liest vom Klemmbrett ab. Richtet den Kragen. Dann das Mikrofon. Richtet die Worte. Meine Worte. Deine Worte. Richtet die Worte, streicht mit der Hand durch sie durch wie durch Blumen und durch Haar. Richtet die Worte dort, wo sie zu Taten werden. Wo sie Fleisch werden. Denn im Anfang war das Wort und im Wort der Anfang, als wir abgestreift haben die Tat um des Redens Willen, das ins Schweigen mündet, auf ‚mundtot‘ gründet, auf ewig und immerdar.

I|

your lament breaking
from the bricks stranded
I lean out of the
window prepared to
open my ear to
the song of sirens
yet all I see is
the sadness of you
breathing in the dust
we keep praying to
setting the houses
aquiver shaking
heaving caving in