A Story About A Girl Who Lost Her Heart

Es war einmal ein Mädchen, das hatte Haare, die ihm in schweren Locken die Stirn ins Gesicht hinunterrannen und blasse Haut, die selbst im Dunkeln weich wie der Mond zu schimmern schien, so dass es niemals um sie herum völlig finster wurde.
Doch dieses war kein gewöhnliches Mädchen, denn eines Tages passierte ihm etwas höchst ungewöhnliches, denn eines Tages, es konnte nicht erklären wie oder warum, wann oder wo genau, da stellte es fest, dass ihm ihr Herz abhanden gekommen war.

Egal wo sie suchte, welche Türen sie öffnete –  von denen manche vielleicht besser verschlossen geblieben wären -, welche Deckel sie hob, durch welche Spalte sie sah, welche Schlüssel sie auch immer umdrehte und unter welche Möbel sie auf die alten knarrenden Holzdielen schaute, es war nirgendwo zu sehen. Selbst die Maus, die ihr in diesen Augenblick vor der Nase vorbeihuschte, als sie ihren gelockten Kopf auf den Boden neben ihrem Bett presste, zuckte nur nichtswissend mit den Schnurrhaaren und trippelte davon.
Sie versuchte es damit, dass sie an alle Orte zurückkehrte, an denen sie in letzter Zeit gewesen war, verfolgte ihre Schritte akribisch zurück und untersuchte jeden ihrer Fußabdrücke auf’s genauste, doch es blieb verschwunden.

Wenn sie ihr Kleid aufknöpfte, dann konnte sie an der Stelle, an der es gesessen hatte, direkt über dem Brustbein, eine handtellergroße Narbe sehen, die sich eng um sich selbst windend in Herzform nach innen schlingelte und leicht abhob, hautfarben, so wie Narben eben sind. Jedes Mal, wenn sie mit der Fingerspitze vorsichtig den Narbegrat entlangstrich, wirbelte sie schwerfällige Fetzen von fester Finsternis auf, die sich wie schwarze Tinte in einem Wasserglas emporrankten und um ihren Finger wandten. Wenn sie ihrem Blick aus dem Augenwinkel trauen konnte, schien sich sogar ihr Haar in diesen Momenten misstrauisch wegzukräuseln, um möglichst unauffällig auf Abstand zu gehen.

So begann sie jeden Tag weniger und weniger danach zu suchen und vergaß irgendwann, wonach sie überhaupt suchte, sodass sie manchmal gedankenverloren mitten im Haus stehenblieb und den Kopf zur Seite neigte, als ob sie auf eine Antwort warten würde, von etwas, das nicht mehr da war…

Die Tage gingen einer nach dem anderen ins Land, breiteten alle ihre Schwingen aus und flogen über dem Strom der Zeit gleitend davon, ohne dass sich etwas änderte.

Und so geschah es, dass ein fremder Junge des Weges kam, den es auf verschlungenen Wegen in das Städtchen des Mädchens verschlagen hatte, wo er ziellos durch die Straßen wanderte, bis ihm etwas ungewöhnliches am Wegesrand auffiel und er sich sputete möglichst schnell an die betreffende Stelle zu gelangen. Erst konnte er seinen Augen nicht trauen – denn er wusste, dass man sich davor hüten sollte, allein ihrem Flüstern Glauben zu schenken – , weil das, was er dort so liegen sah, als ob es achtlos fallengelassen worden wäre, ein einsames Herz war.
Er ließ sich vorsichtig auf die Knie nieder und hob das Herz mit der zärtlichsten Geste, die das Angesicht der Welt jemals erblickt hatte, auf seinen Händen empor.
Ihm wollte einfach nicht in den Kopf gehen, wie etwas so wunderschönes vollkommen unbemerkt am Rande des Weges liegen konnte, wo jeden Tag doch zig Leute daran vorbeieilten und es dennoch keiner bemerkt zu haben schien. Das Herz glühte in einem fahlen weiß-silbirgen Ton und zog einen leichten Schweif wie von Sternenstaub hinter sich her wohin auch immer er es trug und es leuchtete ihm den Weg, wenn es finster wurde. Je länger er das Herz bei sich hatte, desto weniger konnte er seinen Blick davon abwenden und es wurde ihm teurer als alles andere. Rund um die Uhr pflegte und hegte er es, presste es fest an seine eigene Brust, damit es sich nicht allein fühlen musste und hielt es warm.

Das blieb natürlich nicht unbemerkt, die Leute begannen erstaunt zu fragen, woher er solch ein prachtvolles Herz her hatte, wer ihm solch ein wunderschönes Ding geschenkt hatte, doch er zuckte immer nur mit den Schultern und sagte: “Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mich darum kümmern muss, als ob es mein eigenes wäre”. Doch insgeheim war es das nicht, denn es war ihm sogar wichtiger als sein eigenes geworden. Um das Herz herum schien alles langsamer zu werden, sogar die Zeit selbst schien sich zu beugen, um einen möglichst langen ungläubigen Blick auf den schimmernden Splitter erheischen zu können und sich davon zu überzeugen, dass alles, was man sich darüber erzählte wahr und noch mehr als das war.

So wie es der Laune Fortunas entsprach, führten den Jungen seine Schritte durch die Stadt – jeder wollte das Herz sehen und er wollte dessen Schöne auch mit jedem teilen – irgendwann zu dem Haus, in dem das Mädchen wohnte, dem das Herz gehörte.

Als der Junge an dem Fenster vorbeilief, an dem sie wieder einmal stand und sich jenseits jedweder Ferne in sich selbst verlor, war es, als ob in diesem Moment ein Schwarm kohlschwarzer Krähen aus ihrer Brust herausbrechen und durch die Fensterscheibe bersten würde. Da begann das auf der Handfläche des Jungen liegende Herz aufzulodern und brach in einem Sturm rot tanzender Flammen aus. Sein erstaunter Blick wanderte zwischen den noch träge in der Luft schwebenden schwarzen Federn hindurch und zum ersten Mal seit langem besaßen die Augen des Mädchens eine so unfassbare Klarheit, dass sie durch jede einzelne Schicht der Wirklichkeit schnitten und jeden auf’s innerste entblößt hätten, den sie trafen. Doch nicht diesen Jungen. Wie im Schlaf trat er näher, das tobende Herz noch immer wie ein lebendiges Stück Kohle in der Hand und wurde von den Augen des Mädchens hineingesogen wie Licht, dass für immer in der Schwärze des Nachthimmels verschwindet. Er streckte seine Hand aus und ihre Brust fing an zu brennen.
Nun wurde ihr klar, warum sie ihr Herz hatte verlieren müssen: damit er es finden konnte.

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