Perlmutt

Was ich gesagt habe:

Vielleicht sollten wir einfach dort mit unseren Leben weitermachen, wo wir damit aufgehört haben, als wir uns überhaupt kennengelernt haben, uns zwar nicht vergessen, aber als immaterielle liebe Erinnerung in eine gepflegte, schön ausdekorierte Ecke unseres Herzens kehren, ausgeschmückt mit warmen Tönen, dem ein oder anderen netten Gedanken, der sich ab und an in diese Ecke verirrt und sie sanft in Perlmut schimmernd erhellt, und einem Bröselchen von sich selbst, damit es nicht einsam dort ist. Eine Ecke, in der man sich zusammenkauern kann, die Augen schließen und bis irgendwann als Gast schlafen kann. Was danach passiert, ist erst einmal von nicht allzu großer Bedeutung, jedoch die Möglichkeit, die potentiell dahintersteckt, nachdem wir, wie du sagtest, “flügge geworden” sind. Bis dahin wirst du wahrscheinlich sowieso schon jemanden gefunden und mich vergessen haben, aber es ist ein schönes Bild und es hört sich hübsch an, wenn ich das hier so schreibe und irgendetwas muss ich ja schreiben, um dir wenigstens irgendetwas von mir geben zu können, was dir gehört, auch wenn es nur verkleidete Einsen und Nullen sind (denn alles, was ich dir geben kann, sind Worte und Gedanken, manchmal das eine in das andere gekleidet). Ob der Gast nach dieser Zeit, oder dann schon besser gesagt Untermieter, mit einem beherzten Händeschütteln nach Hause geschickt wird, oder eingeladen wird, doch noch ein wenig länger zu bleiben und von seiner Ecke auf die Couch umziehen darf, ist momentan nicht von Belang und wird es vielleicht auch später nicht sein, aber die Geste zählt, weil es mir zumindest so vorkommt, dass sie etwas bedeutet.

Was ich irgendwann einmal gesagt hätte:

Es war einmal ein Mädchen, das in einem Herz lebte. Der Teil, in dem sie wohnte, lag zwar etwas abgeschieden von der übrigen hektischen Bewegung in den verschiedenen Gängen und Zimmern des Herzens, aber es war abgenehm ruhig dort, denn die Zeit floss nur träge vor sich hin. Hätte man inne gehalten und die Augen angestrengt zusammengekniffen, so hätte man möglicherweise sogar sehen können, in was für langsamen Wellen die Zeit gegen die Wände ihres Zimmers brandete, wie die Wellen immer wieder in sich zurückfielen und sich selbst verschlangen. Das Zimmerchen war klein aber gemütlich, ausdekoriert mit warmen Tönen, die unablässig ineinanderflossen und das Mädchen einlullten und mit liebevollen Gedanken, die den Raum perlmutfarben erhellten. Das Mädchen schlief gerade, zusammengerollt in einem alten Ohrensessel, wie sie heutzutage keiner mehr herstellt, denn das braucht Zeit und Hingabe, wie sie selten geworden ist. Der Sessel stand vor einem kleinen verschnörkelten Kamin, in dem Kohlen glühten von der Farbe des Sonnenaufganges, des Sonnenunterganges und von der Farbe des Abendssterns und baten im ganzen Raum die Schatten zum verschlungenen, innigen Tanze. Sie tanzen leichten Fußes über die Armlehnen des Sessels, die Wände und das Gesicht des Mädchens, umkreisten ihre Augen und fuhren die Ränder ihres Gesichtes entlang, wie um es nachzumalen. Einer der Schatten glitt gerade vorsichtig von ihren Wimpern und zu ihren Lippen hinunter, die sie von ihm gekitzelt im Schlafe zu einem Lächeln verzog.
Manchmal wachte das Mädchen auf, streckte sich, genoss das Gefühl der an ihr hochkriechenden Wärme, wenn sie vor dem Kamin stand. Sie ging barfuß zu der Zimmertür, die noch ein altes Schloss zierte und drückte die geschwungene Klinke hinunter, um mit einem Auge durch den Spalt in den Flur zu spähen. Während ihrer Zeit in dem Herz sah sie viele Dinge durch den Türspalt, einige blieben länger, einige kamen immer wieder, und andere huschten nur ganz kurz vorbei, halb durchsichtige Fetzen, wie Geister, ohne dass ihre Füße jemals den Boden berührten. Egal wieviel sie auf den Gängen sah, sie wusste immer, dass niemand sich in ihr Zimmer hineinwagen würde und selbst wenn es jemand versuchen würde, das Herz niemanden hineinließe, denn dieser besondere Ort gehörte ihr alleine, weil es ihr jemand versprochen hatte und Versprechen, die in einem Herzen geschlossen werden, bricht man nicht. Das Mädchen wartete, so wie das Herz auch auf sie wartete. Wenn sie fühlte, wie sich ihr Brustkorb zusammendrückte und nach oben hin immer enger zu werden schien, bis die Einsamkeit sich wie ein Klumpen in ihrem Hals sammelte und sie innerlich zu ertrinken drohte, dann lehnte sie sich gegen eine Wand ihres Zimmers, legte die Handfläche darauf, presste ein Ohr gegen die Wand und lauschte. In diesen Momenten merkte sie, dass das Herz sie hörte, so wie sie selbst es gerade hörte, und dass es immer noch schlug, damit sie hörte, dass es für sie schlug. Trotz allem. Trotz allem noch für sie schlug. Für sie. Sie. Sie… Sie… Sie… Sie… Sie… Sie.

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