Tower

Als ich aufwachte, hielt ich einen Vogelkäfig in der Hand und die Welt schien wie in Tinte getaucht. Blauschwarze Tinte mit einem leichten Grünstich. Ich stand auf schwarzen steinernen Stufen so glatt wie Glas und das Meer brandete und schäumte geräuschvoll gegen meine Füße, während Regen wild vom Wind aufgescheucht vom Himmel schüttete und mein Gesicht herunterlief. Als ich über meine Wange strich und meine Finger ansah, wurde ich mir gewahr, dass die Dunkelheit tatsächlich Tintentropfen über mir ausgoss. Ich stand inmitten des Ozeans und das einzige, das nicht Wasser war, war der Turm, der sich vor mir erhob und an dessen Fuße ich stand.
Mein Hemd war aufgeknöpft und ich sah, dass meine Brust eine geschwungene Narbe zierte, die grob mit Stichen vernäht war. Mein Brustkorb fühlte sich… leichter an.
Da es keinen anderen Weg gab, den ich hätte einschlagen können, tat ich das naheliegendste und ging die Stufen bis zum Eingang des Turmes hinauf, bis ich an den türlosen Torbogen kam. Ich  wischte mir über die Lieder, doch die Finsternis im Turm war anscheinend nicht der Tinte in meinen Augen geschuldet, die einen dünnen Film über diese zu legen versuchte.
Erst da fiel mir wieder das Gewicht in meiner linken Hand auf und ich besah den Käfig ein wenig genauer, der so aussah, wie man sich einen typischen Vogelkäfig vorstellt: unten flach und oben von einer Seite auf die andere rund zulaufend, darüber ein dunkles Tuch. Nur dass in diesem kein Vogel war. Ich hob den Käfig an mein Ohr und fand meine unausgesprochene Vermutung bestätigt, als ich einen Herzschlag daraus vernahm.
Ich trat durch den Torbogen hinein, lies das Tosen des Sturms hinter mir und begann mit den Fingerkuppen an der polierten Wand hinauf zu steigen. Instinktiv griff ich nach dem Stofftuch und zog es zur Seite, woraufhin ein fahles weißes Licht das Innere des Turmes erleuchtete. Ich muss wie ein viel zu kleines Glühwürmchen in einem viel zu großen Glas ausgesehen haben, denn mein Schein reichte nicht einmal so weit, dass ich die nächsten zehn Stufen sehen konnte.
Bei meinem Anstieg warf mein Herz flackernde Schatten an die Wände, die im ersten Moment wie die Streben des Käfigs aussahen, sich aber stets zu verbiegen schienen, sodass sie Formen von Dingen annahmen, die ich kannte. Dinge und Menschen. Dinge und Menschen, an die ich mich nicht einmal immer bewusst erinnerte, die mein Herz aber nicht vergessen hatte, denn Herzen vergessen nicht.
So ging ich einige Zeit die Stufen hinauf, begleitet vom dumpfen Brausen des Unwetters, das verzerrt von unten heraufhallte und meinen eigenen Erinnerungen. Manchmal glaubte ich die Schatten sogar anfassen zu können, doch bei jedem Versuch glitten die meisten erneut weg. Einige wenige trauten sich jedoch auf meine Hand und rannen einige Zeit hin und her, wenn ich sie drehte, bevor sie wieder an die Wand flossen, wie die Tinte draußen.
Ihr müsst wissen dass ich manchmal zu Untertreibungen neige, wenn ich Dinge wie “einige Zeit ” sage. So könnt ihr euch vorstellen, wie lange meine Füße sich auf- und abwärts bewegten, bis ich an die Spitze kam.
Dort fand ich einen Spiegel vor, der in der Mitte der Plattform stand, die zu den Seiten hin offen war und durch einige Säulen mit dem Dach verbunden war. Ich tat einen weiteren Schritt vorwärts, hob meinen Arm und stellte den leuchtenden Käfig mit meinem sich windenden Herzen vor den Spiegel, was das Glühen bündelte und als einen gleißenden Strahl durch den Regen hindurch in die Finsternis sandte. Dort stand ich und lies mein Inneres in dem Tintenmeer brennen, das die Dunkelheit wie eine silberne Nadel durchbohrte.

Ich stand da und wartete.

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