Glas

Ich war wie der Mann, der mitten auf einem öffentlichen Platz in einem Sarg aus Glas liegt. Jeder geht an ihm vorbei, Kinder zeigen mit dem Finger auf ihn, die Leute scharen sich ganz ohne Scheu in Häufchen um ihn herum und reden offen über ihn, als ob er nicht da wäre.

Er lag in dem Sarg, weil ihn sein Herz betrogen hatte, daher hatte man es entfernt und in ein gläsernes Kästchen gleich neben seinen Kopf gelegt. Zuerst standen üppige Menschentrauben vor dem Kästchen – ein schlagendes Herz sieht man immerhin nicht alle Tage, manche warfen ihm sogar ein paar Münzen hin – aber nach und nach verlor sich das Interesse und nur Kinder oder ältere Leute, die das Geschehen als Alternative zum Taubenfüttern sahen, schenkten ihm Aufmerksamkeit.

Einmal jedoch, da blieb eine junge Frau stehen, im Gegensatz zu den meisten anderen hatte sie das Klopfen bemerkt – es wurde ihr selbst eng in der Brust, je näher sie kam – und es gelang ihr, das Herz zu lesen. Also griff sie nach einem kurzen Luftholen in den Kasten und hob den Deckel des Glassargs. Zum ersten Mal seit langer Zeit schlug der Mann die Augen auf und fragte, nachdem er sie angesehen hatte: “Wo ist deine Krone, Königin?”. “Ich habe keine, von der ich wüsste, also nennst du mich zu Unrecht so”, antwortete sie. “Ich komme nicht umhin, dich zu berichtigen, denn du spürst schon lange nicht mehr das Gewicht, das auf deinem Haupt lastet“.

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