Wenn man Zeitplanung betreibt, sich überlegt, wann man was tut, wann man zum Beispiel einkaufen geht, aufräumt, soziale Kontakte pflegt, wann man dies tut, wann man das tut, um Zeit möglichst effizient zu nutzen, was tut man dann mit der Zeit? Man nimmt an einer Stelle ein Stückchen weg und klebt woanders eins an, man zerstückelt Zeit, bis der ganze Tag aussieht wie ein einziger Flickenteppich, nur weil man hofft, dadurch heimlich ein paar Löcher in den Teppich zu scheuern, Ansammlungen von Zeit, in der man tun kann, was man möchte und nicht, was man muss.

Aber geht das überhaupt? Kann man Zeit sammeln wie Briefmarken oder auf Pappkarten gesteckte Schmetterlinge, kann man sie in Gläser füllen, den Deckel draufschrauben und haltbar machen, auf Vorrat? Was ist, wenn jemand so ein Glas zerbricht? Wo geht die Zeit dann hin, zerfließt sie einfach dank Energieerhaltung und letztendlich Entropie, wie zu viel Butter auf zu wenig Brot verschmiert? Oder bleibt sie an Ort und Stelle, sodass das Glas, wenn es gerade auf dem Boden aufkommt und beginnt zu splittern, unendlich langsam zerbirst, weil überflüssige, übermäßige Zeit aus seinen Rissen herausfließt?

Was wäre, wenn diese Gläser in sauber geordneten Pyramiden im Supermarkt stehen würden (für 1,95 das Stück, 1,79 – 1,79! – wenn sie gerade im Angebot wären) und jemand den gläsernen Zeitturm umwerfen würde? Würde die Zeit dort dann vollständig stehenbleiben oder zumindest so langsam vergehen, dass es dem menschlichen Gehirn so vorkommen würde, da dann ohnehin kein Unterschied mehr besteht?

Wäre das eine Attraktion oder eine Katastrophe, sodass ein Sondereinsatzkommando den Supermarkt großräumig abriegeln würde, damit sich ja nicht irgendjemand mehr Zeit erschleicht als ihm eigentlich zusteht?

Woher käme dann die Zeit in den Gläsern, gäbe es Menschen, deren Arbeit es wäre, ihren Tag so effektiv zu gestalten, dass sie die übrige Zeit verkaufen könnten? Was wäre dann mit diesen Menschen, wären sie komplett von Zeit determiniert und dominiert oder wären sie im wahrsten Sinne des Wortes zeit-los, der Zeit enthoben, frei davon, weil sie keine mehr hätten? Wenn man keine Zeit (mehr) hat, steht man dann endlich außerhalb von Zeit? Hat ‚Zeit‘ dann überhaupt noch eine Bedeutung? Kann man stattdessen einfach ‚time‘, ‚temps‘, ‚tempus‘, ‚χρόνος‘, ‚время‘ oder ‚時間‘ dazu sagen?

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