ich weiß noch wie
in dem grellen künstlichen Licht
die weiße Tür sich gespiegelt
in deinem glühenden Auge
wie sie beschrieben den Raum
hin nach außen
fest umrissen wie gemalt
eingeübt in stillem Ritual

weit und breit keine Menschenseele
weil nachts selbst kleinster Raum
unendlich groß erscheint
und hinter den Fenstern Wänden und Türen
eigentlich mehr Menschen sind als einem lieb ist
selbst wenn keiner mehr wirklich wach ist
was zählt ist aber dass die Illusion von Einsamkeit da ist
von Isolation davon dass da in diesem Augenblick
etwas ist das einem alleine gehört
weswegen Intimität überhaupt erst möglich wird
außerhalb der eigenen vier Wände
es passiert da ein mentaler Abschottungsprozess
das ist wie ein Schalter der einfach Klick macht
und die Außenwelt verschwindet
weil sie einfach absolut überflüssig und unwichtig wird
obwohl man eigentlich wie auf dem Präsentierteller sitzt
aber in dem Moment bedeutet dieser Umstand nichts mehr
er be|deutet nichts mehr
da ist temporär einfach keine kausale Verbindung mehr
wie ein Kurzschluss im Gehirn
was ich nicht sehen kann
sieht mich auch nicht
steht man im Kegel einer Straßenlaterne
markiert dieser ein eigenes Universum
hinter dem nichts mehr ist
und auch nicht|s mehr sein braucht

alles passt in dem Augenblick
alles passt
und es ist alles so wie es gerade eben ist

nicht weniger und nicht mehr

ich hab ‘nen mantel

Ich hab ‘nen Mantel. Ist zugegebenermaßen nicht der Neuste, letztes Jahr gekauft, aber er tut’s noch. Keine Löcher drin, keine Flicken, okay, hier und da ein ausgefranster Faden, man bleibt ja auch immer überall hängen, und in einer Tasche ein alter, trockener Kaugummi in ein Stück Papier gewickelt, ein Einkaufszettel wahrscheinlich. Naja, wirklich trocken ist der nicht, halt so ein bisschen klebrig und leicht feucht wie die Dinger eben werden, wenn sie ein Jahr lang in einer Manteltasche mit eigenem Mikroklima liegen.

Aber egal, worauf ich eigentlich hinaus wollte: er tut’s noch. Man zieht ihn an und es wird einem nicht kalt. Man steckt die Hände rein, betastet vorsichtig noch das letzte Jahr, das sich da drin verkrochen hat und einfach nicht verschwinden möchte, schmeißt den Kaugummi endlich weg und kann sich nicht beherrschen an den Fingerspitzen zu riechen, die nach Minze duften und- wo war ich? Ach ja, man tut die Hände halt so rein in die Taschen und nach einiger Zeit wird es warm da drin, kurzum: man hat also Wärme in den Taschen, die man mit sich rumträgt. Ist eigentlich eine ganz praktische Sache soweit, ein faires Geschäft: der Mantel wird getragen, hängt nicht im dichtgedrängten Schrank und muss sich ständig von den Hemden blöd anmachen lassen, warum er denn so dick ist und macht, als Gegenleistung, dass einem warm ist. Klingt doch fair.

Manchmal hat man Glück und da landet noch eine andere Hand in der Tasche zusammen mit der eigenen und dann sind da zwei Hände drin, die warm sind und jeweils wieder Wärme produzieren wie kleine Kraftwerke. (Jetzt stell sich mal einer vor, das würde in Serie gehen, keine Kohlekraftwerke mehr, kein Gas, nur Manteltaschenkraftwerke von Händen angetrieben, die Fossilebrennstofflobby hätte nichts mehr zu lachen. Mein Wort.) Und wenn nicht, dann halt nicht, hat man eben Pech gehabt, eine Hand funktioniert ja auch alleine und hängt idealerweise noch am Rest des Körpers dran, da sollte man sich mal nicht so haben.

Also auf jeden Fall war ich neulich so mit meinem Mantel ein wenig unterwegs, mal hier rein, mal dort rein, das Schaufenster ist spannend und das dort hinten sieht auch noch interessant aus, sich zwischendurch mal im Glas selbst beobachten und ein bisschen anschwärmen – muss ja auch mal sein, abgesehen davon freut das den Mantel auch, sieht der sich endlich auch wieder mal, der eitle Einfaltspinsel – und bin dann wieder mal im Elektromarkt gelandet, mal kurz gucken, was gerade in der Angebotskiste mit den DVDs und Blurays drin liegt. Sind manchmal richtige Perlen dabei, von denen der Laden zu viele gekauft hat und nicht mehr loskriegt. Sein Verlust, mein Gewinn, einfache Sache. Auf jeden Fall wühle ich mich da gerade durch die Grabbelkiste, finde tatsächlich einen Film, den ich endlich mal sehen wollte, merke aber, dass das nur eine gammlige DVD ist. Und dabei wollte ich die Bluray haben. Mist. Gut, kann man nichts, machen, dann halt nicht, man hat ja auch Ansprüche. Würde der Mantel sprechen können, würde er mir sicher zustimmen. Allein schon deswegen, weil er nicht wieder im Schrank landen möchte, seien wir mal ehrlich. Was auch immer, würde mich auch nicht stören, Bestätigung ist im Allgemeinen schon eine coole Sache.

„Wenn du eh schon da bist“, denke ich mir, „kannste auch mal durch den Rest vom Laden schlurfen, vielleicht gibt’s ja irgendwo etwas Spannendes oder halt nicht, hast ja grad eh nichts zu tun und musst dich ein wenig vom Arbeiten abhalten. Erst an den Notebooks vorbei – die werden aber auch immer dünner – dann an den teuren Kaffeemaschinen, die man sich eh momentan nicht leisten kann – muss wohl der alte Vollautomat von Papi noch etwas durchhalten, der eigentlich auch echt nicht schlechter ist, nur halt nicht neu und glänzt nicht so schön – und dann wieder mal den Fernsehern. Was die Dinger heutzutage nicht alles haben, HD, Ultra-HD, 4K, ABC, XYZ, Schießmichtot, Wasauchimmer. Sachen, die man braucht auf jeden Fall. Sagt zumindest die Werbung und die hat ja auch Recht, von daher.

Auf einem Bildschirm rennen 22 – in dem Fall eigentlich nur 21, einer hat sich gerade selbst rausgefoult – Männer wieder mal einem Ball hinterher, auf ‘nem anderen läuft irgendsoein Actionfilm mit dem, na, wie heißt der nochmal? Ist ja wurst, sehen eh alle gleich aus. Und wenn nicht, dann werden die halt entsprechend hergerichtet, muss ja alles der Zielgruppe schmecken. Nicht, dass die sich noch verschluckt oder Schlimmeres, die vorportionierten Häppchen wieder ausspuckt. Nee, nee, so geht das nicht. Auf einem der Fernseher laufen Nachrichten, wahrscheinlich wieder die typischen Bilder von irgendwelchen Protesten, Bürgerkriegen, den neusten Sportergebnissen, was welcher Staatschef wieder mal ausgefressen hat.

Trotzdem bleibe ich irgendwie stehen und lausche der Nachrichtensprecherin mit meinen Augen, der Ton ist ja aus. Sonst würde man ja wahnsinnig werden bei den ganzen durcheinander schreienden Stimmen. Reichen ja schon die von den Kunden und den Mitarbeitern hier drin. Mein Mantel ist zum Glück eh taub, den stört das sowieso nicht. Nach der Sprecherin folgen Bilder. Mit Menschen in Zügen. Wirklich vollen Zügen, eigentlich überfüllten Zügen, die überall in Bahnhöfe einfahren. Die Menschen haben meist T-Shirts und Blusen oder Hemden an, hier und da sehe ich einige Jackets und Blazer, auch mal ‘ne Jacke, Mäntel nur ganz wenige. Muss wohl warm sein, wo die herkommen. Hier wird’s gerade aber wieder deutlich kälter und von denen hat so gut wie keiner Wärme in den Taschen. Ich und mein Mantel schauen uns an – zumindest so gut das seitens des Mantels ohne Augen eben geht – und wir sind uns wieder mal einig. Zeit, die Taschen auszustülpen.

ich hab ‘nen mantel

das Jahr in die Hand nehmen
zu einer Faust ballen
ausholen und werfen
werfen, dass einem die Schulter wehtut
da, wie es aufsteigt

das Jahr an die Hand nehmen
die Finger um sie seinen schließen
Luft holen und losrennen
rennen, dass einem der Atem wegbleibt
schau, wie wir ausbrechen